Männercoaching – für ein besseres Leben

Autor/Fotos: Harald Berenfänger

Haben Sie auch manchmal den Eindruck, dass es zwei Sorten von Männern gibt? Die eine, die unsere Wirtschaft vor die Wand fährt (Stichwort Finanzkrise) – und die andere, die sich selbst ruiniert (Stichwort Burn Out)? Hier Gewinnmaximierung zum Schaden aller, dort Leistungsmaximierung zum eigenen Schaden. Wenn Männer, mit dem was sie tun oder lassen, an ihre Grenzen kommen, kann Männercoaching das Mittel der Wahl sein.

Wir Kerle setzen uns permanent unter Dampf: Wollen Gewinne maximieren, die Besten sein, die Härtesten, die Schnellsten, die Witzigsten, wollen neue Väter sein und coole Cowboys, erfolgsorientiert und natürlich auch einfühlsam und teamfähig. Die Folgen sind so bekannt wie unschön, und jede Menge Tools und Techniken versprechen Hilfe und Erholung.

In der Vielfalt der Beratungsformen unterscheidet sich Männercoaching vom klassischen Einzelcoaching in zwei wesentlichen Punkten:
• Es erweitert den Blick auf den einzelnen Klienten um das Modell der Archetypen
• Es erweitert das Eins-Zu-Eins-Setting um Methoden aus Männer-, Natur- und Körperarbeit

Der Schweizer Psychologe C.G. Jung sah den Menschen nicht nur individuell disponiert sondern ebenfalls geprägt von sogenannten kollektiven seelischen Grundmustern. Besonders deutlich treten archetypische Muster und Figuren in Märchen und Geschichten auf, beispielsweise die böse Stiefmutter, die Prinzessin, der strahlende Held, der weise König, der Oberlehrer usw. Jede Gesellschaft hat solche Archetypen in ihrem kollektiven Gedächtnis, von wo aus sie wiederum auf das Individuum zurückwirken.

Im Männercoaching stehen in der Regel nur eine Handvoll Archetypen im Blick des Geschehens: Der Krieger, der Liebhaber, der Magier und der König, und bisweilen auch der Heiler, der Vater und der Wilde Mann.

Dahinter steht der Gedanke, dass ein Mann im Laufe seines Lebens verschiedene Entwicklungsschritte durchläuft, durch die er von einem Archetyp zum nächsten übergeht und dadurch zu einer reifen, erwachsenen Persönlichkeit wird, die in jedem Lebensabschnitt ein angemessenes Verhalten zeigt.

Es handelt sich um ein idealtypisches Modell, das nicht auf naturwissenschaftlich belastbaren Füßen steht, sondern einzig und allein durch Emotion und Erfahrung erleb- und vermittelbar ist.

Ein Beispiel: Ein Klient beklagt sich über die miesen Chefs in seinem Leben, die ihn ständig rausmobben. Nun schaut man sich im klassischen Einzelcoaching die Situation näher an, reflektiert das Geschehen, überlegt Verhaltensalternativen und trainiert ggf. neue, nützlichere Verhaltensweisen. So weit, so gut. Als Männercoach habe ich darüber hinaus im Hinterkopf, dass jeder Mann, um reif und erwachsen zu werden, mit seinem Vater ins Reine kommen muss. Geschieht dies nicht, kann es beispielsweise dazu kommen, dass der junge Mann grundsätzliche Schwierigkeiten mit männlichen Vorgesetzten zeigt und die Themen, die er eigentlich mit seinem Vater zu klären hätte, an seinem Chef abarbeitet. Solche Angestellten können auf eine pubertäre Weise trotzig, rebellisch und aufsässig wirken anstatt – wie es dem reifen Mann entspräche – neugierig, selbstbewusst und mutig.

Eine solche Sichtweise liefert einen neuen, ergänzenden Blickwinkel aufs Geschehen und ordnet das individuelle Verhalten in einen kollektiven Sinnzusammenhang ein, der es leichter machen kann, selbstschädigendes Verhalten zu verstehen und ändernd anzugehen. Zudem kann das Einordnen persönlichen Verhaltens in einen übergeordneten Kontext zu einer seelischen Entlastung führen, die das Wertschätzen und Ändern der bisherigen Strategien erleichtert.

Neben der Berücksichtigung kollektiver Archetypen ist Männercoaching durch seine Methodenvielfalt charakterisiert, wobei man diese ergänzenden Methoden in drei Gruppen fassen kann: Männerkontakte, Körperarbeit und Aufenthalte in der Natur.

Die Erfahrung zeigt, dass es der Persönlichkeitsentwicklung von Männern sehr entgegen kommt, wenn sie die Möglichkeit bekommen, in einen wesentlichen Kontakt mit anderen Männern zu treten: Das können Männertrainings sein, Männergruppen oder Männerfreundschaften, in denen es um mehr geht als um Autos, Eroberungen und Karriereschritte. Wenn dann noch Methoden hinzukommen, die gezielt den Körper miteinbeziehen und einen unmittelbaren Kontakt zu Wind, Wasser, Wald und Erde gestatten, kann Männlichkeit aufs Beste gedeihen.

Das steckt dahinter, wenn Anbieter von Führungskräfte-Coachings auf Seminarorte setzen wie Segeltörns, Bergwanderungen oder andere Outdoor-Settings. Es gilt: Raus aus der Komfortzone und weg von allem, was von Kern und Essenz ablenkt. Wenn Männer sich im Äußeren blank machen, machen Sie auch im Innern auf – und von den Erfahrungen, die dabei entstehen, profitiert auch die Arbeit im klassischen Einzelcoaching.

* * *

Mir sagte mal ein Mann: „Es ist ganz leicht, ein guter Mann zu sein. Triff Deine eigenen Entscheidungen. Liebe Deine Frau. Tu Deinen Kindern nicht weh.“ Darum geht es im Männercoaching: Die Männer zu befähigen, ihren inneren Kompass zu sehen; der angezeigten Richtung kraftvoll und entschieden zu folgen, und sich bei anstehenden Entscheidungen nicht hinter Prozessen, Hierarchien oder Ehefrauen zu verstecken. Und wer es ernst meint mit Liebe und Wertschätzung zu seiner Familie, der wird sein Verhalten so ausrichten, dass er weder sich noch die Gesellschaft, in der er lebt, schädigt.

Männercoaching unterstützt Männer, beruflich und privat ihren Mann zu stehen, und dabei überlegen die Balance zu halten zwischen Einsatzbereitschaft und Ressourcen-Schonung.

Literaturhinweise:
C.G. Jung „Die Archetypen und das kollektive Unbewusste“
Robert Bly „Eisenhans“
Joseph Campbell „Der Heros in tausend Gestalten“
Steve Biddulph „Männer auf der Suche“
David Deida „Der Weg des wahren Mannes“
Richard Rohr „Vom wilden Mann zum weisen Mann“
Robert Betz „So wird der Mann ein Mann“
Alexandra Schwarz-Schilling /Christin Colli „Gemeinsam frei sein“


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